Zivilisatorische Regression: Spiel mit dem atomaren Feuer

Die düstere Erkenntnis, dass sich die Welt in nie dagewesener Nähe zu einem Atomkrieg befinde, setzt sich immer weiter durch. Schlimmer noch, den Eliten im politisch-medialen Komplex scheint das egal zu sein. Im apokalyptischen Blindflug, angestachelt von Hass und Fanatismus, wird die Eskalationsspirale im Ukrainekrieg immer weiter angezogen. Dabei offenbaren die westlichen Reaktionen auf die Protestaktion des Wagner-Chefs Prigoschin ein erschreckendes Maß an zivilisatorischer Regression. Denn auch in Russland werden die Rufe der Falken nach dem Einsatz des „großen militärischen Bestecks“ sowie dem Überschreiten roter Linien immer lauter.

Prigoschins „Marsch auf Moskau“ – Putschversuch, Aufstand oder nur Protest?

Wie sind die beunruhigen Ereignisse vom vergangenen Samstag (24. Juni) einzuordnen? Der Chef der privaten Söldnerfirma Wagner, der Oligarch Jewgeni Prigoschin, bereits bekannt geworden durch heftige verbale Angriffe auf den russischen Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow, war mit seinen Truppen von einem Trainingslager bei Rostov am Don in einem „Marsch der Gerechtigkeit“ in Richtung Moskau aufgebrochen, wobei auch der Stab des dortigen Militärbezirks eingenommen wurde. Die Wagner-Kolonnen konnten sich weitgehend ungehindert von russischen Streitkräften Moskau nähern, wobei es zu kleineren Kampfhandlungen kam. Die Revolte stand übrigens in unmittelbarem Zusammenhang mit einer Verordnung des Kreml, derzufolge sich alle paramilitärischen Organisationen dem russischen Verteidigungsministerium zu unterstellen haben, so auch die Wagner-Milizen.

Samstagabend gab Prigoschin über seinen Telegramkanal das Umkehren seiner Truppen bekannt, auch seine Kräfte aus Rostov wurden abgezogen. Auf Vermittlung des belorussischen Präsidenten und seines langjährigen Bekannten Ajaksandr Lukaschenka erhielt Prigoschin die Möglichkeit, straffrei in Belarus ins Exil zu gehen, seinen Soldaten wurde angeboten, in die russische Armee zu wechseln. Ein wesentlicher Grund für den plötzlichen Abbruch der Revolte schien Prigoschins mangelnde Unterstützung in Bevölkerung und Eliten gewesen zu sein. Maßgeblich dazu beigetragen schien wohl auch der Aufruf von General Sergej Surowkin an die beteiligten Soldaten haben, die Rebellion zu beenden und in den Dienst zurückzukehren.

Prigoschin, der zunächst nur die russische Armeeführung scharf kritisierte hatte, vollzog damit auch einen irreversiblen Bruch mit Wladimir Putin, der früher noch als dessen Freund galt und der dem ehemaligen Starfagefangenen und Kriegsverbrecher den Aufstieg in die russischen Eliten ermöglicht hatte. In den Zusammenhang mit diesem öffentlich Bruch ist auch seine Behauptung einzuordnen, Putins Begründung für den Einmarsch in die Ukraine beruhe auf falschen Tatsachen, zumal Prigoschin kurz zuvor noch ein großer Befürworter dieser Militäraktion war.

Allerdings steht Prigoschins straffreier Einzug ins Exil in krassem Gegensatz zu einer ersten wütenden Reaktion Putins, in der dieser den Wagner-Chef in einer Rede als Verräter bezeichnete und seine harte Bestrafung forderte. Die Gründe für den Sinneswandel, der insbesondere von der russischen Bevölkerung als ein Zeichen der Schwäche Putins wahrgenommen werden dürfte, mögen zum einen darin liegen, dass Putin während der Revolte selbst auffällig wenige Solidaritätsbekundungen erhalten hatte, und zum anderen in den hochsensiblen militärischen Kenntnissen Prigoschins. Auch hatte sich dieser als Interessenwalter der einfachen russischen Soldaten inszeniert, die, so seine Kritik an der Armeeführung, aufgrund unzureichender militärisch-strategischer Planungen im Übermaß verwundet oder getötet würden.

Nur die erste Runde?

Prigoschins Exil in Belarus dürfte nur eine fragile Zwischenlösung dieses offen zutage getretenen Konflikts innerhalb der russischen Eliten sein, da Putin nun einen öffentlichkeitswirksamen Erfolg vorweisen muss, um seinen Autoritätsverlust zu kompensieren. Dies könnte ein deutlicher Erfolg im Ukrainekrieg sein, ebenso aber auch eine finale Lösung im Konflikt mit Prigoschin, für die es im Grunde nur zwei denkbare Szenarien gibt, nämlich a) eine Unterwerfungsgeste Prigoschins und b) dessen Liquidierung samt Auflösung („Verstaatlichung“) der Wagner-Truppen.

Interessant ist, dass Putin, der ebenfalls unzufrieden mit der Arbeit seiner Armeeführung war, nun nicht mehr deren Personal austauschen kann, ohne in den Verdacht zu geraten, Prigoschins Forderungen zu folgen. Bleibt also abzuwarten, wie Putin diesen Konflikt inklusive seines dadurch verursachten Gesichtsverlusts lösen wird. Entgegen der offenen Häme vieler westlicher Kommentatoren dürfte eine Intensivierung der russischen Angriffe auf Ziele in der Ukraine sowie die weitere Mobilisierung der Streitkräfte eher wahrscheinlich sein, als eine Abschwächung der militärischen Aktivitäten. In den Blick dürfte auch der Einsatz taktischer Nuklearwaffen rücken, der von russischen Militärexperten und den Falken rund um den Kreml vermehrt gefordert wird.

Häme und Freude versus nukleare Eskalationsgefahr

Russland verfügt über das weltweit umfangreichste Arsenal an Atomwaffen. Eine Instabilität einer solchen Atommacht birgt das enorme Risiko eines unkontrollierbaren Einsatzes von Massenvernichtungswaffen. Während die überwiegend transatlantisch orientierten Medien des Westens sowie führende Politiker die Vorgänge in Russland häufig mit unverhohlener Freude kommentieren, scheinen sie dabei naiver Weise zu vergessen, dass es auch in Moskau nicht wenige Hardliner gibt, denen Putins Vorgehen in der Ukraine viel zu vorsichtig und verhalten erscheint. Trotz allem scheint, ganz im Sinne der aktuell grassierenden und von US-Kräften vorangetriebenen Russophobie, eine Schwächung Putins das primäre Ziel transatlantischer Politik zu sein, da sie den langfristigen geostrategischen Interessen Washingtons dient.

Aufsehen erregte vor Kurzem die Einlassung des einflussreichen Politologen Sergej Karaganow, der nukleare Schläge mit taktischen Atomwaffen forderte, um angesichts der permanenten Eskalation der US-geführten NATO einen thermonuklearen Vernichtungskrieg als Folge der beinahe unvermeidlichen Konfrontation zwischen Russland und der NATO/USA zu verhindern. In den Fokus solcher Angriffe rückten dabei auch Ziele in Großbritannien, Polen und Deutschland, also den aktivsten Staaten in der Unterstützung der Ukraine, letzten Endes aber auch in den USA selbst. Zugleich sprach Polens früherer Außenminister Sikorski von der Möglichkeit, auch die Ukraine mit taktischen Atomwaffen auszustatten, während die geplanten Lieferungen atomwaffenfähiger F-16-Kampfjets in Russland mit äußerstem Argwohn betrachtet werden. Schließlich wisse man nicht, was diese denn tatsächliche geladen hätten, so die russische Armeeführung.

In den USA wird derweil gefordert, einen Einsatz taktischer Nuklearwaffen in der Ukraine oder die Zerstörung eines Atomkraftwerkes (Saporischie) als Angriff auf die NATO zu werten und den Bündnisfall nach Artikel 5 des NATO-Vertrages auszulösen.

Fazit: Sandkastenspiele mit Massenvernichtungswaffen

Auch die Ereignisse um die Revolte des Söldnerchefs Prigoschin bedeuteten eine weitere gefährliche Eskalation in einem Stellvertreterkrieg zwischen Russland und USA/NATO. Einem Stellvertreterkrieg, der kurz vor einer direkten militärischen Auseinandersetzung zweier atomarer Supermächte steht, oder, wie von einigen Kommentatoren bereits festgestellt, bereits in diese eingetreten ist.

Der politisch-mediale Komplex scheint in allen Konfliktparteien nicht mehr vor einem atomaren Schlagabtausch zurückzuschrecken. Blindwütig und fanatisch wird die Vernichtung der Zivilisation in Kauf genommen, von Vernunft und elementaren moralischen Werten ist nicht mehr viel zu erkennen. Die angeblich hochentwickelten Zivilisationen sind auf das Niveau kleinkindlicher Sandkastenspiele zurückgeschrumpft, nur leider unter Verfügungsgewalt über militärische und informationelle Hochtechnologie. Ein trauriges Schauspiel des Niedergangs, Freuds Thanatos scheint in der internationalen Politik zwischen USA und Russland die Oberhand gewonnen zu haben.

Weitere Informationen

Jacques Baud: „Das war sicher kein Putschversuch, wie unsere Medien die Sache aufgeblasen haben“, Overton-Magazin: Baud sieht die Wagner-Revolte in klarem Zusammenhang mit einer Verordnung des Kremls, alle paramilitärischen Organisationen und Söldnerfirmen in die Armee einzugliedern. Dadurch, dass Putin keinen Schießbefehl gegeben habe, sei der eher wirtschaftlich motivierte Aufstand binnen Kurzem friedlich beendet worden. Dies könne Putin sogar gestärkt haben. Alles Informationen, die im deutschen Medienmainstream praktisch nicht vorkommen.

Dazu auch InfrarotMedien:

Titelfoto: Atompilz der Bombe „Fat Man“ über Nagasaki am 09. August 1945

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nuclear_mushroom_cloud_of_Fat_Man.jpg

Public Domain

USAAF Photographer, Public domain, via Wikimedia Commons