2. Februar 2023

Spurensuche Totalitarismus (I): Szientismus und Massenformation (Desmet)

Die Nachbetrachtung des Coronaregimes wirft begriffliche Fragen auf. Viele Autoren erkennen faschistische Elemente, die jedoch auf ein übergeordnetes Phänomen verweisen: die Genese eines totalitären Systems.

Die Coronakrise markierte eine in ihren Dimensionen bislang unbekannte Zäsur in politische, ökonomische und soziale Strukturen von nahezu globalem Ausmaß. Betroffen waren alle gesellschaftlichen Subsysteme vom politisch-administrativen System über die Medien, die Justiz, die Kirchen, Kunst und Kultur, Großunternehmen, mittelständische Unternehmen und Kleinunternehmen bis hin zu sozialen Systemen wie Vereinen, Familien, Freundschaften oder Partnerschaften. Kaum ein Lebensbereich war nicht in der ein oder anderen Weise von der Totalität des Coronaregimes betroffen, dessen Eingriffstiefe bis weit hinein in private Schutzbereiche reichte. 

Immer wieder aktuell: Totalitarismus

Während sich der klassische Totalitarismusbegriff primär auf den Faschismus des Dritten Reiches und den sowjetischen Stalinismus bezieht, interessieren sich neuere Ansätze für gemeinsame strukturelle Merkmale in historischen Entwicklungen oder Formationen, die vor dem Hintergrund eines ideologischen Wahrheitsanspruchs eine Organisation sämtlicher sozialer Bezugssysteme entlang eines verabsolutierten Normensystems zur Herrschaftssicherung zu etablieren versuchen. 

Damit wäre die politische Dimension angesprochen, allerdings spielt auch die (massen-)psychologische Dimension insbesondere bei der Entstehung totalitärer Systeme eine wesentliche Rolle, denn für die Verfestigung und Reproduktion totalitärer Strukturen spielt auf individueller Ebene die Wechselwirkung zwischen den spezifischen mindsets der Menschen und dem politischen Machtgefüge eine wesentlich Rolle. Diese Zusammenhänge konnten in der Corona-Krise gewissermaßen just-in-time beobachtet werden, was in analytischer Hinsicher einen Vorteil gegenüber der sonst üblichen Ex-post-Perspektive darstellt.

Krisen, so auch die Corona-Krise, entstehen selten ad hoc im „luftleeren“ Raum, fallen nicht urplötzlich aus heiterem Himmel auf die Bildfläche des politischen Geschehens, sondern haben einen langen und kontinuierlichen Vorlauf. Sie entstehen häufig auf dem Nährboden regulativer Dysbalancen und gesellschaftlicher Verwerfungen mit entsprechenden Auswirkungen auf das individuelle Erleben und Handeln, was die Herausbildung totalitärer Strukturen als Herrschaftsform begünstigt.  

Von der Wissenschaftskrise zum Szientismus

Prof. Matias Desmet (aktuelle Publikation: The Psychology of Totalitarism), klinischer Psychologe an der Universität Gent, konnte anhand von Hintergründen und Verlaufsform der Corona-Krise eine Theorie der Massenformierung (mass formation) erarbeiten, die einen Einblick in die Entstehungsbedingungen totalitärer Systeme ermöglicht. Dabei vereint er die Makroebene historischer Gesellschaftsformationen mit der Mikroebene des individuellen Erlebens und Handelns.  

Auch Desmet verweist auf eine länger schwelende kulturelle Krise als Kontextbedingung des Coronaregimes, die sich etwa in der Replikationskrise innerhalb des Wissenschaftsbetriebs ausdrückte. Insbesondere in der Psychologie, aber auch in anderen Fachbereichen, nahm die Replikationsfähigkeit von Studien deutlich ab, was als Hinweis auf mangelnde Qualität und damit auch mangelnde Aussagekraft gewertet werden konnte. Um auf die Ursachen dafür näher einzugehen, fehlt an dieser Stelle der Platz. Allerdings dürfte ein sinkender Qualifikationsstandard des wissenschaftlichen Personals als Folge des Bologna-Prozesses, eine Verschärfung der Arbeits- und Karrierebedingungen an den Universitäten sowie deren zunehmende Drittmittelabhängigkeit zu wesentlichen Faktoren dieser Entwicklung zählen.

Desmet erkennt auch in der Tendenz zu technokratischem Denken, der Überbewertung der Rationalität sowie der Annahme, alle irdischen Phänomene technologisch regulierbar machen zu können, Bedingungsfaktoren für die Entstehung totalitärer Systeme (die in dialektischem Widerspruch zu den Unzulänglichkeiten des Wissenschaftbetriebes stehen). Es ist der Glaube an die Objektivierbarkeit jeglicher Art von Phänomenen, die insbesondere in der Sozialwissenschaft und Psychologie schnell an enge Grenzen stößt. Hier finden sich deutliche Parallelen zur Kritik des Wissenschaftsphilosophen Prof. Michael Esfeld am derzeit vorherrschenden szientistischen Paradigma (vgl. Michael Esfeld, Pandemischer Szientismus, Feb. 2022):

Der Szientismus praktiziere Wissenschaft als politisches Programm, was in einen Kollektivismus führe. Der Gegenstandsbereich der so praktizierten Wissenschaft sei prinzipiell unbegrenzt, was auch die Moral einschließe. Die Umsetzung des szientistischen Paradigmas führe daher letztlich in den Totalitarismus, „weil eine wissenschaftliche Vorgabe für das allgemein Gute und seine Umsetzung über die Würde und die Rechte der einzelnen Menschen und ihrer sozialen Gemeinschaften wie der Familien gestellt wird.“ Esfeld erkennt im Coronaregime den bisherigen Höhepunkt des Szientismus, der sich in einer Entmündigung des Menschen äußere, dem die Fähigkeit abgesprochen werde, die Verantwortung für selbstbestimmtes Handeln tragen zu können, wobei sich der Verantwortungsraum auch auf vergangene oder zukünftige Ereignisse (Klima, künftige Pandemien) erstrecke. Die Ausübung von Freiheitsrechten sei so nur unter Vorbehalt durch staatliche / suprastaatliche Autoritäten möglich. Auch komme es zu einem technokratischen Menschenbild, zu einer Objektivierung oder Verzwecklichung des Menschen (was sich an der Debatte über eine allgemeine Impfpflicht besonders deutlich ablesen ließ, vgl. die Debatte um das Urteil des BVerfG zum Luftsicherheitsgesetz; FS).

Für Desmet verkehrt sich der absolute Glaube an die Objektivität in sein Gegenteil, sobald die Beobachtungen eines Forschers von dessen Subjektivität beeinflusst werden können, bzw. Subjektivität kaum zu beseitigen ist, wie es in Sozialwissenschaften und Psychologie häufig der Fall ist. Auch erkennt er die dem Szientismus immanenten Herrschaftstechniken, die zur Totalisierung einer Gesellschaft genutzt werden können. Der Totalitarismus wird so zur logischen Konsequenz eines mechanistischen Denkens und des Glaubens an die Omnipotenz einer mechanistischen Rationalität.

Von Unsicherheit, Angst und Sinnlosigkeit zur Massenformation

Kulturelle Krisen und gesellschaftliche Wandlungsprozesse sind zwei Seiten einer Medaille, die sich auf der Ebene sozialer Systeme in einem Verlust an Bindungen und zunehmender Isolation sowie auf der Ebene des Individuums in steigender Unsicherheit, Angst und Gefühlen von Sinnlosigkeit manifestieren. Durch die weitgehende Kollektivierung der Lebensumstände innerhalb kapitalistischer Gesellschaftsformationen werden auch individuelle psychische Konstitutionen kollektiviert, was an der verallgemeinerten Stimmungslage der Masse ablesbar ist. Diese „Stimmungslage“, oder kollektive psychische Konstitution einer Masse, ist Folge einer konkreten Ausformung einer (historischen) Gesellschaftskrise und kann zur Grundlage einer totalitären Herrschaftsform werden. 

Dabei wird der für einen Totalitarismus benötigte Massengehorsam nicht primär durch Terror und Unterdrückung hergestellt, sondern er entsteht zu einem wesentlichen Teil aus der psychischen Dynamik der interagierenden Massenmitglieder selbst. Diesen Prozess nennt Desmet Massenformation (mass formation) und beschreibt ihn als gruppenspezifische Hypnose, die das ethische Selbstbewusstsein der Individuen zerstört und ihnen die Fähigkeit zu kritischem Denken raubt. Als Voraussetzungen für die Massenformation nennt Desmet:

  1. Verallgemeinerte Einsamkeit, soziale Isolation oder das Fehlen sinnstiftender sozialer Bindungen
  2. Verlust an Lebenssinn (befördert durch nicht-sinnstiftende Jobs)
  3.  Frei flottierende Angst (Binnenangst,die an keine spezifischen Objekte, bzw. abstrakte, unsichtbare Bedrohungen gebunden ist)
  4. Frustration und Aggression

Angst und Aggression sind psychisch eng verwandte Emotionen, wobei vor allem das wachsende Potenzial aufgestauter Aggressionen innerhalb der Bevölkerung nach einem Objekt zur Abfuhr sucht. Ist dieses Objekt gefunden, vereint sich der größte Teil der vormals durch Einsamkeit, fehlende soziale Bindungen und Ängste atomisierten Gesellschaft im Kampf gegen dieses Objekt der kollektiven Ängste und Aggressionen, und zwar weitgehend unabhängig von den individuellen politischen oder sonstigen Eistellungen der Menschen. Ein einziges Thema dominiert Bewusstsein und Aufmerksamkeit, die Masse formiert sich zu einer Art hyponitisierender Einheit. Diese Massenformation ist nach Desmet die höchste Form des Kollektivismus und schafft für die Einzelnen eine mystische Form der Zugehörigkeit.     

Die Macht der Erzählung

Es kommt im Sinne manipulativen Herrschaftstechniken darauf an, das Angstobjekt in eine suggestive Erzählung einzubetten und auf diese Weise kognitiv und emotional besser verarbeitbar zu machen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, frei flottierende Ängste an das Angstobjekt zu binden und eine große Menge an Menschen mit der passenden sozialen Zustimmung für den Kampf gegen das Angstobjekt zu mobilisieren. Dieser wird zu einer kollektiven Mission, die nicht nur mit entsprechendem Pathos und kollektiver Heldenhaftigkeit aufgeladen ist, sondern auch neue soziale Normen gestaltet, die unter hohem formellen und informellen Druck befolgt werden. Gleichzeitig erfahren die Wissenschaftler, die mit der Bekämpfung des Angstobjektes betraut werden, eine enorme soziale Aufwertung und damit eine erhebliche Machtposition.   

Die Massenformation ist verbunden mit einem Verschwimmen von Fakten und Fiktion sowie einer aggressiven Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen. Die Haltung zur  Erzählung (dem „Narrativ“) entscheidet über die Zugehörigkeit zur In-Group oder Außenseitertum, wobei die Verbreitung des Narrativs mithilfe massenmedialer Manipulationstechniken sehr effektiv gelingt. Über die Massenmedien erfolgt nicht nur der gezielte Aufbau und die Pflege der Bedrohungssituation (Angstkommunikation), sondern  auch die Anleitung, was zur Bekämpfung des Angstobjektes zu tun ist und wie man sich zu verhalten hat.

Die Solidarität mit dem Kollektiv und seinen Zielen in Bezug auf das Angstobjekt wird so zur treibenden Kraft der Massenformation. Es entstehen eine neue Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns, ein Aufwertung der eigenen subjektiv empfundenen Bedeutung für das Kollektiv (und damit eine Verbesserung des Selbstbildes), das (Wieder-)Erleben sozialer Bindungen und es kommt zur (letztlich dysfunktionalen) Bewältigung der frei flottierenden Ängste in deren Kanalisierung auf das kollektive Angstobjekt. Neue soziale Normen werden aufgebaut, in deren Zuge nonkonformes Verhalten bis hin zur sozialen Ächtung oder gar physischen Gewaltausübung massiv sanktioniert wird. Die Exklusion von Abweichlern wird durch das Attestieren fehlender Solidarität und Verantwortlichkeit legitimiert und selbst deutliche Kollateralschäden der verordneten Maßnahmen werden tendenziell ignoriert oder relativiert.   

Mehr noch, Abweichler und Kritiker des Narrativs übernehmen eine Sündenbockfunktion, auf die weitere oder neu entstehende Aggressionen gelenkt werden können, da das Narrativ mit seinem mechanistischen Rationalitätsgefüge eine eindeutige Zuschreibung von Schuld ermöglicht: Schuld, für das Versagen von Maßnahmen, für das Andauern der Krise, für neue Schäden, für die eigenen erlittenen Einschränkungen und Verluste, für das Sabotieren des gemeinsamen Kampfes, für die Kollateralschäden des Kampfes usw. 

Kultbildung und Totalitarismus

In der Massenformation kommt es nicht darauf an, ob die mit dem Narrativ verbundenen Maßnahmen und Verhaltensregeln sinnvoll in Bezug auf die proklamierten Ziele sind. Wissenschaftliche Evidenz verliert trotz des mechanistischen Weltbildes an Bedeutung gegenüber dem Praktizieren zunehmend ritualisierter Handlungen (Auch hier ist die Körperlichkeit bei der Ritualbildung und -ausübung sowie die öffentliche Zurschaustellung der Handlungen wichtig, so etwa beim Desinfizieren der Hände, Maskentragen, Abstandhalten oder Empfangen der Impfinjektion. Die neuen Rituale ermöglichen soziale Bindungen und repräsentieren die neuen Werte der Gemeinschaft im gemeinsamen Kampf gegen das Angstobjekt. Das Ablehnen oder inkorrekte Ausführen der Rituale gilt als moralisch verwerflich; FS.) Widersprechende Informationen und Erkenntnisse, und seien sie noch so gewichtig und fundiert, haben bei den Praktizierenden des neuen Kultes praktische keine Chance, Beachtung zu finden.      

Individuelle Bedürfnisse und Befindlichkeiten verlieren im Zuge der sozialen Konditionierung an Bedeutung, so dass es zu einer sehr weitreichenden Tolerierung persönlicher Nachteile kommt. In der parallel stattfindenden Verengung des Aufmerksamkeitsbereiches werden selbst ausgesprochen negative Konsequenzen der geforderten Maßnahmen ausgeblendet. Desmet bezeichnet diesen Prozess der sozialen Konditionierung als selbstzerstörerisch: „Eine Bevölkerung, die von diesem Prozess betroffen ist, ist zu enormen Gräueltaten gegenüber anderen, aber auch gegenüber sich selbst fähig. Sie zögert absolut nicht, sich selbst zu opfern. Dies erklärt, warum ein totalitärer Staat im Gegensatz zu einfachen Diktaturen nicht überleben kann.“ (Blog Bastian Barucker: Die entstehende totalitäre Dystopie: Ein Interview mit Professor Mattias Desmet; abgerufen am 03.12.22)   

Eine Gesellschaft in diesem Stadium der Massenformation befindet sich bereits inmitten eines entstehenden totalitären Systems, das aus einer der vorfindlichen Krisenlage inhärenten Dynamik heraus erwächst. Wenn weit verbreitete psychische und soziale Missstände aufseiten der Bevölkerung auf ein angstbesetztes Objekt treffen, dessen kommunikative Vermittlung in den Händen interessengeleiteter Machteliten liegt, ist der Weg frei für eine fast automatisch ablaufende Dynamik hinein in den Totalitarismus. Trotz der Bestrebung totalitärer Herrschaft, abweichende und kritische Meinungen zu eliminieren, besteht die Chance auf ein Durchbrechen der Massenformierung – und zwar bevor das totalitäre System seine eigenen Existenzgrundlagen vernichtet. Hiebei ist die stets existierende Minderheit der Nicht-Überzeugten, der Dissidenten gefragt, die konditionierte Weltsicht der Mehrheit mit einer anderen Erzählung und anderen Erkenntnissen ins Wanken zu bringen und auf diese Weise den Diskursraum sukzessive zu öffnen.  

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Nachtrag 06. Dez.: Kritik von Norbert Häring

Norbert Häring weist auf eine berechtigte Kritik an Desmets Konzeption hin, in der der Prozess der Massenformation und Totalisierung gleichsam automatisch abläuft, was eine politische Lenkung durch interessengeleitete Machteliten zwar nicht ausschließt, aber als nicht wesentlich erachtet. Desmet verweise zudem die Hypothesenbildung aufseiten der Betroffenen ins Reich des psychisch Pathologischen, indem er ausschließlich absurde Verschwörungstheorien in den Fokus nehme. So seien alle Beteiligten Teile oder Opfer der Massenpsychose, selbst die Kritiker des Systems. Scharf kritisiert Häring Desmets Auffassung von Verschwörungstheorien („Verschwörungsdenken“), denen er jegliche Legitimität abspreche, indem er sie pathologisiere und „… jegliche These, dass es im Hintergrund der Corona-Massenpsychose eine Verschwörung gibt, als geistig derangiert darstell[t].

Die Kritik von Norbert Häring erschien lustiger Weise am Morgen nach Veröffentlichung des obigen Artikels. Das Buch „The Psychology of Totalitarism“ erscheint erst im kommenden Februar in einer deutschen Übersetzung. 

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