7. Oktober 2022

#IchHabeMitgemacht – böser Online-Pranger oder berechtigte Dokumentation eines gefährlichen Zeitgeschehens

Unter dem Hashtag #IchHabeMitgemacht sowie der dazugehörigen Website werden Aussagen von Politikern, Künstlern, Journalisten  oder Funktionären gesammelt, die in besonders perfider Weise zur Diskriminierung und Diffamierung ungeimpfter Menschen beigetragen haben. Nun macht sich Unmut auf Seiten der Hetzenden breit und das Wort vom Online-Pranger macht die Runde. Doch bei genauem Hinsehen handelt es sich dabei um die zu Coronazeiten reichlich bemühte Argumentationsfigur der Schuldumkehr: Opfer werden zu Tätern gemacht, während sich die hasserfüllten Täter zu Opfern stilisieren.

Ein weiterer Bruch mit zentralen Werten

Als gegen Ende des letzten Jahres die Impfkampagne ein wenig ins Stocken geriet, die Wirkung der Genspritzen immer weniger überzeugen konnte und sich eine zunehmende Coronamüdigkeit ausbreitete, mussten Sündenböcke gefunden werden. Die oft evidenzlosen und irrationalen Maßnahmen der Bevölkerungskontrolle gerieten unter Rechtfertigungsdruck, zumal ihre Erfolglosigkeit immer deutlicher wurde. Schuldige mussten her, und es kam zu einem weiteren gravierenden Bruch mit zentralen gesellschaftlichen Normen und zivilisatorischen Werten, der zudem in krassem Gegensatz zur Politik des demonstrativen (oder besser imperativen) Minderheiten- und Identitätsschutzes stand: Das erste Mal seit Bestehen der Bundesrepublik wurde von Seiten der Regierenden, der Medien und wichtiger Verbände offen gegen eine Minderheit gehetzt, die Minderheit der ungeimpften Bevölkerung.

Es entfaltete sich eine Dynamik, die in der Geschichte häufig im Zusammenhang mit Krisen und Katastrophen aufzufinden war und die in der Konzentration kollektiver Aggressionen auf Sündenböcke den gesellschaftlichen Zusammenhalt (wieder-)herzustellen versuchte. Allerdings hatte diese Kanalisierung von Gewalt – historisch gesehen – oft verheerende Folgen nicht nur für die verfolgte Minderheit und erwies sich so als dysfunktional für gesunde gesellschaftliche Entwicklungen. Die Formulierung von Grund- und Menschenrechten war nicht zuletzt auch eine Reaktion auf derartige destruktiven Dynamiken.

Totalisierung und Enthemmung

Folgen wir dem belgischen Psychologen und Psychotherapeuten Prof. Matias Desmet, so lässt sich in der Coronakrise eine Entwicklungstendenz zu totalitären Strukturen finden, in die sich auch die Ächtung von Sündenböcken einfügt. Desmet stellt eine bereits seit Längerem bestehende kulturelle und gesellschaftliche Krise fest, in deren Verlauf das Leben der Menschen zunehmend von psychischem Leid, von fehlender Sinnhaftigkeit und mangelhaften sozialen Bindungen geprägt ist. Ein Angstobjekt (z.B. ein Virus) kann dann einen gemeinsamen Feind verkörpern, gegen den gemeinschaftlich gekämpft werden kann.

Das schafft Solidarität, aber auch soziale Konditionierung. Denn der gemeinsame Kampf gegen das Angstobjekt duldet keine Abweichung vom geforderten Verhalten (Maskentragen, Abstandsregeln, Impfungen, Quarantäne etc.). Schließlich nimmt die soziale Konditionierung totalitäre Züge an, indem die Konformität der Mitmenschen in den Fokus gerät, Misstrauen aufkommt und zunehmend rigide soziale Kontrolle ausgeübt wird. In dieser Totalisierung und Konditionierung erfolgt eine Kanalisierung von Aggressionen auf jene, die nicht mitmachen, die sich nicht konform verhalten – und damit die Schuld am Fortgang der Krise tragen. (Matias Desmet z.B. hier: https://blog.bastian-barucker.de/die-entstehende-totalitaere-dystopie-interview-mit-professor-mattias-desmet/)

Nichts anderes geschah ab Mitte / Ende 2021, als die diffamierenden Äußerungen gegen Ungeimpfte zuweilen einen Grad der Enthemmung und Verrohung erreichten, der sich durchaus im Bereich der rhetorischen Kriegsführung gegen Teile der Bevölkerung befand. Man überbot sich geradezu in der Schärfe der Formulierungen, während das Diffamieren ungeimpfter und maßnahmenkritischer Bürger immer mehr zum „guten Ton“ avancierte. Behende wurde die verbale Eskalationsleiter erklommen, angefangen von der Diffamierung, dann weiter über die Pathologisierung und Kriminalisierung bis kurz vor die Entmenschlichung. Vor allem aus der deutschen Geschichte wissen wir, dass Entmenschlichung eine wichtige Voraussetzung für die physische Verfolgung und Vernichtung von Menschen war.

Dokumentation aus der Opferperspektive

Da es sich also um ein dokumentationswürdiges zeitgeschichtliches Geschehen handelt, ist die Sammlung von diskreditierenden und spaltenden Aussagen insbesondere mit Blick auf eine mögliche künftige Aufarbeitung ein wichtiges und nachvollziehbares Anliegen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die dokumentierten Aussagen von Menschen mit privilegiertem Zugang zu Massenmedien stammen und die damit maßgeblichen Einfluss auf die Deutungshoheit haben. Im Vergleich dazu ist das mediale Gewicht einer zivilgesellschaftlichen Initiative eher gering.

Der privilegierte Zugang zu Massenmedien und deren ausgiebige Nutzung lässt zudem vermuten, dass die Aussagen eine möglichst große Reichweite und Schlagkraft haben sollten. #IchHabeMitgemacht stellt diese Aussagen in den Kontext einer destruktiven gesellschaftlichen Entwicklung, in der zentrale Normen des respektvollen und demokratischen Umgangs miteinander zunehmend an Bedeutung verlieren. Es wird eine historische Zäsur aufgezeigt, die sich in der Relativierung von Grundrechten und der damit verbundenen Entwürdigung einer Minderheit darstellt.

#IchHabeMitgemacht zeigt die Opferperspektive, indem eine Rhetorik dokumentiert wird, die in ihrer sozialen Verächtlichmachung nicht spurlos an ihren Adressaten vorbeigegangen sein dürfte. Darin einen Online-Pranger zu erkennen, ist nichts weiter als eine Schuldumkehr, eine Täter-Opfer-Umkehr. Es ist weiterhin die Diskreditierung einer zivilgesellschaftlichen Initiative, die als weitere Behinderung (noch verbliebener) basisdemokratischer Strukturen verstanden werden kann.  

Ich habe mitgemacht: https://ich-habe-mitgemacht.de