7. Oktober 2022

Zeitgeschehen Corona: Als Kinder nicht mehr spielen durften

Kinder und Jugendliche trafen die Coronamaßnahmen mit besonderer Wucht. Von heute auf morgen verwandelten sich wohlfeile Bildungsleitlinien in Makulatur. Aktive Aneignung der Welt, Erlernen demokratischer Teilhabe durch Partizipation oder das Bild vom Kind als aktivem Gestalter seiner Persönlichkeit – alles Geschwätz von gestern. Ab Mitte März 2020 formulierten Regierung und lokale Behörden ein neues Bild vom Kind, nämlich das der kurzbeinigen Virenschleuder. Und Virenschleudern sind vogelfrei, ihnen darf das Leben schwergemacht und Entwicklungschancen genommen werden. Jahrzehnte pädagogischen Fortschritts und entwicklungspsychologischer Erkenntnisse mussten praktisch über Nacht einem neurotischen Pestilenzwahn weichen, dessen verquastes Menschenbild aus dem Mittelalter zu stammen schien.

Das alles natürlich mit Rückendeckung von ganz oben. Schon im sog. Panikpapier, das Horst Seehofers Innenministerium Anfang 2020 erarbeiten ließ, wurde das gezielte Verängstigen von Kindern als Kommunikationsstrategie empfohlen:

„Kinder werden sich leicht anstecken, selbst bei Ausgangsbeschränkungen, z.B. bei den Nachbarskindern. Wenn sie dann ihre Eltern anstecken, und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, weil sie z.B. vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann.“ , schreiben die angeheuerten Autoren.

Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bringen, S. 13

Der neidvolle Blick nach China gab wohl mit den Ausschlag dafür, Bürger allenfalls als zu managende Bio-Automaten zu betrachten. Jedenfalls ist die Nähe zur chinesischen KP bei einigen der Autoren nicht zu übersehen, Linguist Otto Kölbl stand zudem auf deren Gehaltsliste. Das Erschreckende daran ist, dass jeder aus der Autorenclique über eine universitäre Anbindung verfügte und vom aktuellen sozialwissenschaftlichen und psychologischen Kenntnisstand zumindest mal grob gehört haben sollte, ebenso vom Verhältnis eines demokratischen Rechtsstaats gegenüber seinen Bürgern. Man war bereit, das alles über Bord zu werfen und einem autoritären, übergriffigen Paternalismus zu huldigen.

Wennauch das „Panikpapier“ nur als Handlungsempfehlung nur für den Dienstgebrauch zu verstehen war, symbolisiert es das neue Selbstverständnis der politischen Eliten im Umgang mit ihren nun zu infektiösen Untertanen degradierten Bürgern. Kinder rutschten im Ansehen staatlicher Behörden noch tiefer in den Keller. Wenn schon für Erwachsene die Bundesrepublik keine res publica mehr war, dann erst recht nicht für Kinder. Aus der kommenden Generation wurden gefährliche Wirtstierchen, deren physiologische und psychosoziale Entwicklungsbedürfnisse nach Belieben zur Disposition gestellt oder gar negiert werden durften.

Konkret geschah das vor allem in Form von Allgemeinverfügungen, also an jedermann gerichteten Verwaltungsakten, die zu früheren Zeiten von den Soldaten des Fürsten ans Portal der Hauptkirche genagelt worden waren. Heute wäre das unpraktisch, denn gemessen am Umfang der Corona-Allgemeinverfügungen wären die Portale schlichtweg zu klein gewesen. Ihr Inhalt scheint indes auf ähnliche Weise zustande gekommen sein, wie zu Zeiten des Feudalismus.

Unter dem Titel „Lübeck erlässt weitreichende zusätzliche Einschränkungen“ startete die Hansestadt Lübeck am 21.03.2020 mit vollem Elan ins Geschäft der Gängelung ihrer Bürger. Fast schon stolz fügt die Truppe um Bürgermeister Lindenau (SPD) in ihrer Bekanntmachung an: „Allgemeinverfügung verbietet und beschränkt Kontakte in öffentlichen Bereichen (…) Durch diese Allgemeinverfügung ergeben sich weitreichende Veränderungen für das alltägliche Leben in Lübeck.“ Eine Verwaltung und ihr Chef spielen Fürstentum.

Kinder und Jugendliche wurden von den Worten des herrschaftlichen Textes besonders intensiv bedacht. Es wurde ihnen praktisch alles untersagt und gestrichen, was ihre lebensweltlichen Einbindungen formte, was zu ihrer Sozialisation beitrug und was ihre sozialen Interaktionen ermöglichte: der Unterricht an allgemeinbildenden Schulen, Förderzentren, beruflichen Schulen sowie generell deren Betreten, die Teilnahme an schulischen Veranstaltungen, die Betreuung an KiTas oder Horten, die Teilnahme an Angeboten des Offenen Ganztages und von Jugendzentren, das Betreten von Spielplätzen, Indoorspielstätten oder die Teilnahme am Reit- oder Tennisunterricht. Ihr Leben sollte sich fortan auf die Räume der elterlichen Wohnungen beschränken, in der sozialen Deprivation war ihre Entmündigung Programm.

Kurz darauf begann das große Abwickeln des rot-weißen Flatterbandes überall dorthin, wo gefälligst niemand mehr zu sein hatte. Spielplätze, -geräte, ja sogar rudimentäre Fußballtore wurden bebändert. Hier habt ihr nichts mehr zu suchen, lautete die inflationär ausgewickelte Botschaft, mit der gleichzeitig kindliche und jugendliche Bedürfnisse verhöhnt wurden. Irgendwann später, nach Ende des ersten aus China importierten sozialen Großversuchs, kam die Bebänderung wieder ab. Dafür musste aber zwingend auf Abstand zum nächsten mitspielenden Kind geachtet werden, da sich auch die Spontanität des Spiels dem Regelkanon zu unterwerfen hatte .

Nach dem schrittweisen Wiedereröffnen der Schulen fanden sich Schülerinnen und Schüler in einer fremden, verstörenden Welt wieder. Dazu die verwirrende Erfahrung der Doppelbindung (double bind), bestehend aus bunten Herzlich-Willkommen-Plakaten kombiniert mit einem von rigide überwachten Verhaltensregen gekennzeichneten Schulalltag: Markierte Laufrichtungen auf Gängen mussten eingehalten werden, gespielt werden durfte in den Pausen nur im Klassenverband auf zugewiesenen Flächen, Warnschilder, Regelhinweise, Absperrbänder, Bodenmarkierungen und Piktogramme wurden omnipräsent, es begann das permanente Maskentragen, das ständige öffentliche Testen und Getestet-Werden und schließlich die Stigmatisierung derjenigen, die trotz STIKO-Empfehlung noch ungepiekst waren.

Hinzu kam ein oft hysterisiertes Lehrpersonal, das sich vor seinen Schützlingen zu schützen versuchte sowie Schulleitungen, die in vorauseilendem Gehorsam die vorgegebenen Regelungen nur als Mindeststandards ansahen. Plötzlich gab es eine Fülle sich ständig ändernder Anordnungen, gegen die täglich im Handumdrehen verstoßen werden konnte und die den Schulalltag mitunter in einen Spießrutenlauf vor den argwöhnischen Augen des zu behördlichen Erfüllungsgehilfen mutierten Schulpersonals verwandelten. Regeln, deren Nichtbefolgung der verbrecherische Makel der unsolidarischen und fahrlässigen Gefährdung von Menschenleben anhaftete.

Warum man hier nicht durchgehen darf? Hinten geht’s zum Spielplatz!

Kontaktsperren, Abstandsregeln, Schließungen, Betretungsverbote, Hauskasernierung, Home-Schooling – das Arsenal der Coronamaßnahmen erinnert an das Inventar einer psychosozialen Giftküche. Sie trafen Kinder und Jugendliche nicht nur in einer besonders sensiblen Phase ihrer Entwicklung, sondern setzten auch noch treffsicher an den Stellen ihrer größten Verwundbarkeit an. Dort also, wo die Schäden besonders langanhaltend, wenn nicht sogar irreversibel sein können. Insbesondere für jüngere Kinder war der abrupte Übergang in den Lockdown und das anschließende Maßnahmenregime ein traumatisierendes Ereignis, das – abgesehen von der bitteren Erfahrung der Unbeständigkeit angenommener Gewissheiten – oft vom Verlust wichtiger Bindungspersonen gekennzeichnet war. Ebenso inhuman war der Gedanke, Menschen ausgerechnet in der Aufbauphase sozialer Kompetenzen in ihren Sozialkontakten radikal zu beschneiden.

Zusammengebrochen waren auch die unterstützenden und stabilisierenden Netzwerke, die als Fürsprecher Kindern und Jugendlichen beistanden. Aufsuchende Hilfen wurden gestrichen, auch konnten durch das Schließen der Schulen und KiTas weder pädagogisches Personal noch Jugendämter ihre Wächterfunktion wahrnehmen.

Bereits im Frühjahr 2020 zeichnete sich deutlich ab, dass Kinder und Jugendliche nur eine marginale Rolle im Infektionsgeschehen spielen. Diese Erkenntnis kristallisierte sich bis heute immer unumstößlicher heraus. Trotzdem hielten Regierungen, Verwaltungen, Schulleitungen und Lehrerverbände (sogar Schülerverbände!) an der Beibehaltung möglichst rigider Coronamaßnahmen fest. Der damals ebenfalls prognostizierte Anstieg therapiebedürftiger psychischer Erkrankungen in den unteren Altersklassen ist heute ebenso traurige Realität geworden, wie der vorhergesagte Verlust insbesondere der nonverbalen Kommunikationsfähigkeit als Sender oder Empfänger von Botschaften. Dass die soziale Ungleichverteilung dieser und anderer Beeinträchtigungen massive angestiegen ist, macht die Sache nur noch schlimmer. Die Kollateralschäden sind in diesem Gesellschaftssegment immens, eine Aufarbeitung Pflicht.

Der passende Dokumentationsfilm zum Thema!

Fotos: Frank Spatzier