1. Dezember 2022

Grün, grün, grün sind alle meine Waffen…

…bumm, bumm, bumm und alles eskaliert. So könnte die aktuelle Version eines alten Kinderliedes lauten, zeitgemäß umgetextet in Richtung grüner Kriegstreiberei.

Aus dem empfehlenswerten Portal NachDenkSeiten stammt die dazu passende Grafik (hier im Titelbild), die ein Leser deren Redaktion geschickt und um breite Veröffentlichung gebeten hat. Das machen auch wir gerne, denn die besorgniserregende Transformation einer ehemals friedenspolitisch und ökologisch engagierten Partei in einen Haufen kriegsverherrlichender und moralistischer Eiferer könnte kaum besser grafisch verdeutlicht werden. 

Kann sich noch jemand an Gert Bastian oder Petra Kelly erinnern? Weiß von der aktuellen Führungsriege der Grünen, wer sie waren und wofür sie standen? Wohl kaum. Und wenn, dann dürften sie als belächelnswerte Relikte einer längst vergangenen Epoche eher im Kuriositätenkabinett der Partei gesucht werden. 

Gewiß, die Ampelregierung ist generell nicht arm an geifernden Kriegstreibern. Leute, für die Russland, repräsentiert von Satan himself Putin, das Reich des Bösen ist. Und das von der Ukraine im Namen von Freiheit und Demokratie, im Namen erhabener westlicher Werte, bis aufs Blut bekämpft wird. Zur Not bis zum letzten Ukrainer. Zur Not auch bis zum dritten Weltkrieg. Hauptsache, die Haltung stimmt. 

Doch abgesehen von einigen besonders tragischen Sofa-Stahlhelmträgern, wie etwa der kriegstrunkenen Marie-Agnes Strack-Zimmermann oder dem selten einfältig herumlabernden USPPA (US-Parolen-Plapper-Automat) Norbert Röttgen (beide übrigens eingebunden in transatlantische Lobbyorganisationen), fallen vor allem Politiker der Grünen mit besonderer Liebe zum Krieg auf.

Schon früh wollte Außenministerin Annalena Baerbock Russland ruinieren, und zwar so, dass es nicht mehr auf die Beine kommt. Grüne Diplomatie in Reinfom und mit Schaum vor dem Mund. Man kann sich förmlich vorstellen, wie die Siebenjährige im Körper der Einundvierzigjährigen im Schreikrampf auf dem Boden herumtrampelt. Und es mag durchaus sein, dass die politisch-zivilisatorische Regression (nicht nur) der aktuellen Regierungspolitik viel mit der psychischen Regression des politischen Personals vor dem Hintergrund kumulativer Erosionsprozesse historischer Formationen zu tun hat. Hier handeln keine Erwachsenen mehr, hier handeln desorientierte Kinder. Kohlberg, Moralstufe 3 oder 4. Häufig auch darunter.

Als eine Reihe Prominenter um Harald Welzer und Richard David Precht in einem Aufruf der galoppierenden Kriegstreiberei und den immer leidenschaftlicheren Forderungen nach Waffenlieferungen vorsichtig den Vorschlag von Verhandlungen entgegensetzten, platzte dem grünen Co-Parteichef Omid Nouripour der Kragen. So könnten nur Leute „bequem von der Couch“ daherreden, denn man müsse der Ukraine beistehen, um Menschenleben zu schützen, ereiferte er sich. Mit „der Ukraine beistehen“ meinte er natürlich Mästen mit  allem, was tötet, und mit „bequem von der Couch“ Leute , die keine Ahnung von der Realität haben. Seiner eigenen zumindest. Verhandlungen statt Waffenlieferungen, Gespräche statt Gemetzel – für den Obergrünen ein Sakrileg kurz vor dem Vaterlandsverrat. Oder besser, Ukrainelandsverrat. Konflikte löst man eben nur mit Gewalt – am besten mit tödlicher. Das weiß auch Deutschlands oberste Pseudodiplomatin, die Verhandlungen verweigert. IchwillnichIchwillnichtIchwillnicht: Die Siebenjährige presst Augen und Lippen zusammen, schüttelt energisch ihre Zöpfe und kreischt bis zur Heiserkeit.  

Klar, dass unter diesen bellizistischen Vorzeichen auch Bombenstimmung auf dem jüngsten Parteitag der Grünen herrschte. Selbstbeweihräucherung und Auf-die-Schulter-Geklopfe für einen Kriegs- und Sanktionskurs, der die eigene Bevölkerung nicht nur in Existenznöte stürzt, sondern auch der Gefahr eines Atomkrieges aussetzt. Unvergessen Robert Habecks dummdreist vorgetragenes Framing aller Kritiker des grünen Kriegs- und Katostrophenkurses als Putin-Trolle. Die unterste Schublade wäre noch ein Lob. Und ansonsten: Kollektives Schwelgen in der Gewissheit, die moralisch Guten zu sein, stets das Richtige zu tun. Millionenfaches Sterben und Leid? Alles super, solange die Haltung stimmt. Nur Putin-Trolle wollen heizen, ein bisschen Freude am Leben haben und Frieden.

Das Dilemma des grünen Politpersonals scheint auch dessen narzisstischer Moralismus zu sein, der auf Grundlage eines unzureichenden Qualifikations- und Intelligenzniveaus blüht und gedeiht. Besessen von der Selbstidealisierung, auf der Seite des moralisch Guten zu stehen, wird der Gegner (und das kann jeder sein, der ein gewisses Maß an kritischer Tiefe überschreitet) als moralisch – und damit in gewisser Hinsicht auch menschlich – minderwertig angesehen. Ein Dialog ist so nicht mehr möglich, der andere nicht mehr satisfaktionsfähig. Binäres Denken, im Kleinen (interpersonal) wie im Großen (interstaatlich). Ein weiterer Baustein von Totalitarismus und Terror – soviel sollte man aus der Geschichte gelernt haben. Aber dazu müsste man man ja lesen können. Oder wollen. 

(Der letzte Abschnitt enthält Versatzstücke aus einem Interview mit dem Psychiater und Psychotherapeuten Raphael Bonelli (s.u.). Sein neues Buch, in dem auch dieses Thema eine Rolle spielt, ist bestellt, liegt aber noch nicht vor. Seine Gedanken steuern einen interessanten Aspekt für die sozialwissenschaftliche Analyse  der aktuellen zeitgeschichtlichen Entwicklungen bei. FS)

Zwar ein wenig Off-Topic, trotzdem passend (teilweise) und interessant (komplett):