7. Oktober 2022

Die neue Lust am Töten – solange nur andere für deutsche Politiker den Abzug ziehen.

Die Ereignisse im Ukrainekrieg spitzen sich zu. Gemästet mit westlichen Waffen, konnte die ukrainische Armee einige russisch besetzte Gebiete zurückerobern. Zur gleichen Zeit traf sich die Ukraine-Kontaktgruppe auf US-Befehl und unter Leitung von US-Außenminister Anthony Blinken mal wieder in Ramstein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Und das hat es in sich: Mehr und bessere Waffen sollen in die Ukraine geliefert werden, dazu beteiligt man sich an der Ausbildung der Soldaten und beliefert die Armee mit präzisen Just-in-time-Aufklärungsdaten.

Auf in die neue Eskalationsstufe

Mit anderen Worten, der Krieg schlittert in die nächste Eskalationsstufe (siehe auch hier), die beteiligten NATO-Staaten verwandeln sich immer weiter zu direkten Kriegsgegnern Russlands. Ein schleichender Prozess, dessen Kipppunkt bereits überschritten sein dürfte. Der erbitterte Wirtschaftskrieg gegen den Feind in Moskau erscheint da nur als laues Vorgeplänkel dessen, was Europa an weiterer Eskalation tatsächlich drohen könnte. Gleichzeitig erscheint der Niedergang vieler europäischen – und insbesondere der deutschen – Volkswirtschaften als Einstieg in die Kriegswirtschaft. Verdunkelung, Wärmehallen und Blackouts inbegriffen.

Das Timing der ukrainischen Offensive passte gut zum Zeitpunkt des Ramstein-Rapports. Denn egal wie sie ausgehen würde, der Ruf nach noch mehr Waffen wäre in jedem Fall ohrenbetäubend laut geworden. Und das wurde er auch. Jetzt erst recht, lautet die bellizistische Devise, die seitdem wie halluzigener Qualm durch die Büros von Abgeordneten und Journalisten wabert. Parlament und Journaille im Kriegsrausch. Jeder, der nicht ins Aufrüstungs- und Kriegsgeheul einstimmt, ist mal wieder Volksschädling und Defätist. Schließlich werde in der Ukraine nichts Geringeres verteidigt, als Demokratie und Freiheit, als unsere westliche Lebensweise. Probate Techniken der Massenmanipulation, die während der Coronakrise bereits ausführlich eingeübt wurden.

Einfältiges Denken und Konformismus

Das Kriegsgeschrei deutscher Abgeordneter tobt auch auf der Plattform Twitter. Ob aus dem modernen Büro, dem behaglichen Wohnzimmer, aus dem Zugabteil erster Klasse oder nach dem dritten Gang im Gourmettempel, kriegslüstern hacken sie ihre einfältige Rhetorik in die Smartphones. Hass und Emotionen gehen natürlich leichter von der Hand, als Besonnenheit und die Kenntnis geostrategischer Konstellationen: Man müsste ja nachdenken, um die langjährigen Interessen der USA an einer Schwächung Russlands sowie einer Zerstörung aller friedlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland zu thematisieren. Und überhaupt: Es zählen die Homogenisierung der Meinung, die Unterdrückung von Dissens, die stetige Wiederholung der Parolen und letztlich die Entpolitisierung der Bevölkerung.

Denn nur in der realistischen Einschätzung der historischen und geopolitischen Hintergründe und im Verständnis der russischen Befindlichkeiten im Kontext der expansiven NATO-Erweiterungspolitik bestünde die Chance einer Annäherung und damit auch der Beilegung des Konfliktes. Stattdessen stürzt man sich in blindem Konformismus in einen Stellvertreterkrieg auf ukrainischem Territorium, der hauptsächlich der Wiederherstellung der US-amerikanischen Hegemonie dient – und sondert unterkomplexe Propagandaparolen aus den Giftküchen der transatlantischen Narrativschmieden ab. Hier einige Beispiele von Tausenden:

Marie-Agnes Strack-Zimmermann (Rüstungslobbyistin und Haupt-Kriegstreiberin der FDP)

1/4 Aktuelle militärische Vorstoß der #Ukraine & die zurückeroberten Gebiete im Osten des Landes sprechen für Kampfkraft der UKR und den unbedingten Willen, ihr überfallenes Land zurück zu holen – in Verbindung mit Lieferung schwerer Waffen & militärischen Geräts der Verbündeten. — Marie-Agnes Strack-Zimmermann (@MAStrackZi) September 12, 2022

Michael Roth (SPD; sein Account ist eine wahre Fundgrube für Propaganda nach US-Manier):

Marcus Faber (FDP)

Liebe Freunde,

nach über 6 Monaten #Angriffskrieg muss niemand im BMVG mehr prüfen was wir der überfallenen #Ukraine zur Verfügung stellen. #Fuchs, #Marder, #Leo sind zur Befreiung notwendig. Wer #PZH liefert, muss sich bei diesen kleineren Kalibern nicht zieren.
1/4 — Marcus Faber (@MarcusFaber) September 12, 2022

Norbert Röttgen (CDU)

🇩🇪 muss jetzt handeln. Die BuReg hätte der #Ukraine längst mehr schwere Waffen liefern sollen. Aber diese erfolgreiche Gegenoffensive nicht mit allem, was lieferbar ist, zu unterstützen, ist eine unglaubliche & sture Verweigerungspolitik. Frieden gibt es nur, wenn die 🇺🇦 gewinnt. — Norbert Röttgen (@n_roettgen) September 11, 2022

Ricarda Lang (Grüne)

Töten lassen – bequem vom Bürostuhl, Sofa oder Esstisch aus

Lassen wir uns auch einmal zu einer zugegeben leicht unterkomplexen Betrachtung hinreißen: Wer Waffen liefert, weiß, dass irgendwer den Abzug drücken muss. Das tun die Soldaten an der Front. Aber sie tun es auch stellvertretend für die Bellizisten in politischen Ämtern – und zwar für jeden einzelnen von ihnen.

Ricarda Lang, Norbert Röttgen, Marcus Faber, Anton Hofreiter, Michael Roth, Marie-Agnes Strack-Zimmermann und viele andere dieser Kriegsrhetoriker sollten sich die Frage stellen, ob sie selbst eine Waffe auf Menschen richten und den Abzug drücken könnten. Denn der Unterschied vom Töten lassen durch einen Stellvertreter zum eigenhändigen Töten ist in einem derart eskalierenden Krieg nur ein gradueller moralischer Unterschied.

Noch tippen sich die Parolen leicht in die Tastaturen, gehen die emotionalen Forderungen leicht von den Lippen. Im Schutz ihrer beruflichen und privaten Annehmlichkeiten lässt sich die eigene Feigheit gutverdienender Funktionsträger vor dem Gänsehautmoment des nahen Krieges noch verbergen. Doch längst macht sich eine schleichende Verschiebung hin zur sittlichen Verrohung bemerkbar, rote Linien werden überschritten, eine Zeitenwende ausgerufen. Die Bevölkerung wird eingeschworen, der gut geölte Propagandaapparat der hegemonialen Interessensführer läuft auf Hochtouren. Alltägliche Gewissheiten und Errungenschaften zerbröckeln im Lichte eines zunehmenden Extremismus der Mitte sowie einem destruktiven Moralismus einer selbsternannten Elite, die oft genug selbst nicht zu wissen scheint, wessen Interessen sie letztendlich dient.

Noch wird der Abzug von hiesigen Politikern und Journalisten nur virtuell gedrückt und die Ausführung, das Töten als solches, jemand anderem überlassen. Doch die sittliche Verrohung schreitet dermaßen schnell voran, dass die Vorstellung, dem genannten Personenkreis das eigenhändige Töten zuzutrauen, immer näher rückt.

„Kill For Peace“ ist ein altes Anti-Kriegs Lied der US-amerikanischen Hippie-Band The Fugs aus dem Jahr 1966. Heute hat es wieder ungeahnte Aktualität.

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